Die Lynton & Barnstaple Railway im Exmoor

Die Lynton & Barnstaple Railway unterwegs in den Hügeln des Exmoors

England ist bekanntlich voll von kleinen und spannenden Eisenbahnen – die gewisse Exzentrik der Briten führt zu einer sehr lebendigen Szene und zu mit viel Enthusiasmus betriebenen Bahnen. Hier haben wir bereits unter anderem über die „Romney, Hythe & Dymchurch Railway“ (die „große Schwester“ der Wiener Liliputbahn), die „Kent & East Sussex Railway“ oder die „Island Line“ der Isle of Wight.

Diesmal wollen wir uns einen ganz besonders kleinen Betrieb mit großen Plänen anschauen: Die „Lynton & Barnstaple Railway“ im Exmoor Nationalpark. Hier im Norden der Grafschaft Devon stößt das Exmoor an die Küste des Bristol Channel und dort liegt die Doppelstadt „Lynton/Lynmouth“ mit ihrem noch heute wasserbetriebenen Schrägaufzug.

Eröffnet erst relativ spät im Jahr 1898 verband die ursprüngliche L&B Railway den an das nationale Eisenbahnnetz angeschlossenen Ort Barnstaple über 31 Kilometer mit dem schon damals touristisch stark besuchten Lynton/Lynmouth. Als Besonderheit war die Strecke schmalspurig mit 597 mm (1 ft 11 ½ in) angelegt und überwand mit vielen Kurven beträchtliche Höhenunterschiede des sehr hügeligen Exmoors. Die Gesamtfahrtdauer betrug anderthalb Stunden.

Die Lynton & Barnstaple Railway heute – Betriebszentrum Woody Bay.

Schon nach dem Ende des ersten Weltkriegs und der schlechten wirtschaftlichen Lage war die Bahn schlicht nicht mehr zu betreiben. Und so kam es, dass bereits am 29.09.1935 nach nicht einmal vierzig Jahren Betriebsdauer der letzte Zug verkehrte. Unverzüglich wurde mit dem Abbau der Strecke begonnen und die andernorts nicht benötigten Betriebsmittel sowie die Schmalspurfahrzeuge wurden schlicht verschrottet oder im besten Fall als Gartenhütte verwendet.

Anfahrt eines Zuges der Lynton & Barnstaple Railway in die Station Killington Road.

Wundersamer Weise war dies aber nicht das endgültige Ende dieser landschaftlich außerordentlich reizvollen Strecke. Fast siebzig Jahre nach der Einstellung des Betriebes haben Eisenbahn-Enthusiasten einen kleinen Teil der Strecke über 1 Meile (ca. 1,6 km) wiedereröffnet, und zwar zwischen dem neuen Betriebsmittelpunkt „Woody Bay“ nahe Lynton und der temporären Endstation „Killington Lane“. Letztere ist ein einfaches Streckenende im Nirgendwo und hier soll bald Anschluss in Form einer 6,5 Kilometer langen Verlängerung erfolgen. Dazu gleich noch mehr.

Der Zug der Lynton & Barnstape Railway steht zum Einsteigen bereit.

Befahren wird die aktuelle Strecke seit 10 Jahren im zeitweisen Diesel-, vor allem aber täglichen Dampfbetrieb als reine Touristenbahn. Der Besucher wird normalerweise seinen Weg mit dem Auto zur an der Hauptstraße A39 gelegenen Station „Woody Bay“ finden. Dort ist der heutige Betriebsmittelpunkt am alten Bahnhofsgebäude mit neu verlegten Gleisen und Heizhaus.  Im Bahnhof selbst befindet sich der Fahrkartenverkauf mit Souvenirshop, wo unter anderem liebevoll gestaltete Broschüren die alte Strecke vollständig dokumentieren und Lust auf die geplante Weiterführung machen. Gerne erzählen die freiwilligen Mitarbeiter die Geschichte der Bahn und berichten über ihre aktuelle Situation und Planungen.

Unser aus Replica-Fahrzeugen gebildeter Zug steht bereit am Bahnsteig und die vielen Türen der klassischen Abteilwagen laden ein zum Einstieg. Trotz der geringen Spurweite sind die Abteile sehr geräumig und bieten ein überaus bequemes Ambiente für die leider viel zu kurze Fahrt von weniger als zehn Minuten je Richtung. Es empfiehlt sich, in Richtung Killington Lane rechts zu sitzen – so hat man den besten Blick auf eine wunderschöne grüne Landschaft mit sanft gewellten Hügeln. In Killington Lane setzt die Lokomotive um und bringt den Zug nach wenigen Minuten Aufenthalt zurück nach Woody Bay. Nunmehr geht es etwas bergauf, so dass tolle Bilder mit viel Dampf möglich sind.

Leicht bergauf geht es hier für die Lynton & Barnstaple Railway zur Station Woody Bay.

Wer einmal in diese herrliche Ecke Südenglands kommt, dem sei ein Besuch der Lynton & Barnstaple Railway wärmstens empfohlen. Und auch wer nur fotografieren möchte, kann sich mit einer Spende an die ehrenamtlichen Helfer und den Betreiberverein bedanken. Die Gelder fließen in die geplante Erweiterung, an der mit Hochdruck gearbeitet wird. So konnte bereits der mächtige Chelfham Viaduct saniert und für die Verlegung von Gleisen vorbereitet werden. Im Frühjahr 2015 wurden die Planungen der mit ca. 15 Mio. britischen Pfund (aktuell nach dem Brexit-Votum rund 18 Mio. Euro) veranschlagten Erweiterung öffentlich gemacht und Anfang 2016 bei den Behörden offiziell um Genehmigungen angesucht. Entscheidungen darüber lagen zum Zeitpunkt dieses Artikels leider noch nicht vor, sind aber in Kürze zu erwarten.

Die Lynton & Barnstaple Railway unterwegs

Das ist Südenglang: Gelb leuchtender Ginster und historische Eisenbahnen bilden eine wunderschöne Symbiose.

Mehr Informationen zum Verein, der Strecke und den Planungen sind unter www.lynton-rail.co.uk zu finden.

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe 9/2016 der österreichischen Fachzeitschrift „Die Schiene„.

 

 

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